Von den Kunden gelobt – vom Chef gefeuert!
(
Aus der Zeitung tz München )


Oliver Müller war der „freundliche Münchner“ - Jetzt steht der Paketzusteller (33) auf der Straße


Da war er noch glücklich. Da strahlte der Paketzusteller Oliver Müller (33) noch aus dem gelben Wagen – Einsatzgebiet: Ramersdorf. Die tz-Leserin Ingrid Grüll (66) hatte ihn zum „Freundlichen Münchner“ vorgeschlagen. „Weil er auch die ganz schweren Pakete genau da hin trägt, wo man sie haben will“, sagte sie. Und er lächle und grüße immer. So stand es am 9. März in der tz.

Die Kunden lobten Oliver Müller, Kollegen gratulierten neidlos. Es stimmte ja, was in der Zeitung stand. Der Paketbote der Post war ein glücklicher Mann. Komisch nur, dass ihn kein Chef ansprach... Genau zwei Wochen später bestellte ihn der Vorgesetzte ein. Aber nicht in dessen Büro – ins Zimmer des höheren Chefs, und da saß schon einer vom Betriebsrat. Herr Müller, lautete die späte Gratulation, wir kündigen Ihnen. „Damit ist unser Gespräch beendet“, sagt der Chef noch.

Der freundliche Münchner, Paketzusteller Oliver Müller (33) von der Post, ist gefeuert. Grund: angeblich Unfreundlichkeit. „Massive Aneinanderreihung von kundenunfreundlichem Verhalten, Verletzung von Dienstvorschriften, Verstöße gegen Sorgfaltspflichten“, steht in der Kündigung. Das klingt, als sei Oliver Müller ein schlechter Mitarbeiter und ein böser Mensch. Das stimmt nicht: In Wahrheit ist der Paketzusteller ein trauriger Mann. Weil er glaubt, dass die Gründe vorgeschoben sind, und weil er eigentlich nur für diesen Job lebt.

Geboren wurde Oliver Müller im Osten Deutschlands. Er ging zur Bundeswehr wie so viele andere junge Männer, weil die Bundeswehr in manchen Regionen der einzige Arbeitgeber ist. Müller blieb vier Jahre. Er lernte den Beruf des Fleischers und fand keine Arbeit. Da lasen seine Eltern eine Annonce in der Zeitung: Die Post sucht dringend Paketzusteller im Raum München! Es gab ein Casting in Dessau im noblen Hotel Steigenberger. Müller fuhr die 250 Kilometer hin, wurde genommen, verließ die Heimat, in der es nichts mehr zu tun gab, zog die 500 Kilometer weiter nach München. Weil Arbeit Vorfahrt hat und ein Job alles und kein Job nichts ist. Das war vor sechs Jahren.

Oliver Müller bekam zuletzt rund 2900 Euro brutto im Monat– gutes Geld für einen jungen Paketzusteller. Anfangs stellte ihm die Post sogar noch ein Zimmer. Dann fand er eine Freundin, zog mit ihr zusammen in eine Wohnung nach Augsburg, weil dort die Mieten noch bezahlbar sind. Er richtete die Wohnung vom gesamten Ersparten ein – ein fünfstelliger Betrag. Es war eine gute Zeit, auch eine harte. Der junge Mann musste um 3.30 Uhr aufstehen, damit er pünktlich um 5 Uhr den Dienst in der Niederlassung in Aschheim antreten konnte. Er liebte diesen Job, den Kontakt mit den Kunden in Ramersdorf, er war immer einer der schnellsten unter den Kollegen, machte das meiste Trinkgeld, erzählt er. Irgendwann verschwand die Freundin und jetzt der Arbeitsplatz. Oliver Müller hat Angst, dass er seine schöne Wohnung nicht halten kann. Erst angelockt, dann abserviert: Es ist die Geschichte eines Angestellten in Deutschland. Menschen verlieren ihre Arbeit und ihr halbes Leben gleich mit, weil Unternehmen hässlichen Wörtern gehorchen, die „Restrukturierung“, „Kerngeschäft“ oder „Optimierung“ heißen.

Denn der Paketbote ist sich sicher: Die Post habe ihn einfach nur loswerden wollen. Weil er noch einen der guten, alten Verträge habe mit etwa 2900 Euro brutto. Die Neuen bekämen rund 400 Euro weniger, sagt er. Schon länger würden alte Kollegen aufhören und neue Mitarbeiter anfangen. Oliver Müller hat ein reines Gewissen. Die Vorwürfe seines Arbeitgebers seien zwar nicht erfunden, gibt er zu, es gab Beschwerden. Aber was heißt das schon, wenn ein Kunde reklamiert, dass sein Paket im benachbarten Geschäft zwischengelagert wird und nicht in der weiter entfernten Packstation? Es heißt, dass der Zusteller es gut gemeint hat. Oder wenn ein Kunde kein Päckchen für seinen Nachbarn annehmen will und Müller ihn darauf hinweist, dass der Nachbar auch immer die Pakete für den Kunden annimmt? Ist das kundenunfreundlich? Der Kunde hat sich beschwert.

Es gab vielleicht zehn Reklamationen, sagt Müller, und ein paar kleinere Schäden an dem gelben Wagen in diesem harten Winter, in dem ihn die Post mit abgefahrenen Allwetter-Reifen auf die vereisten Straßen schickte. Müller hat sich mehrfach darüber beschwert – vergeblich. Als er einmal zum Wagen zurückkehrte, war er auf einer ungestreuten Straße einfach weggerutscht – natürlich gegen ein anderes Auto, trotz Handbremse.

Deswegen werfe man doch keinen raus, sagt Oliver Müller. Auch der Betriebsrat sieht das so und hat die Kündigung abgelehnt. Ingrid Grüll, die Müller zum „Freundlichen Münchner“ in der tz vorgeschlagen hatte, ist entsetzt: „Das darf nicht wahr sein! Unfreundlich? Kann nicht sein.“ Sein Chef habe Oliver Müller sogar noch dringend gebeten, von sich aus zu kündigen. Dafür habe er ihm eine höhere Abfindung in Aussicht gestellt. Müller wurde in den Urlaub geschickt, in den Innendienst versetzt.

Er sagt, man habe ihn in die Knie zwingen wollen. Müller blieb stehen. Er wurde gekündigt. Der Chef will sich gegenüber der tz nicht äußern, weil die Post einen Prozess erwartet. Oliver Müller will tatsächlich vor Gericht um seinen Job kämpfen. Der freundliche Münchner, Paketzusteller mit Einsatzgebiet Ramersdorf, sagt: „Ich würde sofort wieder antreten.“ Im Moment ist er mit einem steifen Hals krank geschrieben, ein Laster ist ihm direkt vor der Haustür in seinen Audi geknallt, auch das noch.