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12.11.2006

Viele bunte Boten und Briefkästen

Mit dem nahenden Wegfall des Briefmonopols werden der Deutschen Post zahlreiche Konkurrenten erwachsen. Schon jetzt lauern sie auf Chancen, werben mit zusätzlichem Service und verkünden, Post werde bald nicht mehr mit der Farbe Gelb verbunden sein.

Von Carsten Dierig

 

Marktliberalisierung: Briefträger der Deutschen Post bekommen Konkurrenz
Foto: ddp

Wir kämpfen um jeden Brief", sagt Klaus Zumwinkel. Der Chef der Deutschen Post will zeigen, wie entschlossen er ist. Wenn am 1. Januar 2008 mit dem Briefmonopol auch das letzte Ausschließlichkeitsrecht des Gelben Riesen aus Bonn fällt, will Zumwinkel möglichst wenig an die Konkurrenz verlieren. Die aber steht schon kampfbereit in den Startlöchern, um dem ehemaligen Staatsbetrieb Marktanteile abzunehmen. Rund 900 Dienstleister treten nach Expertenschätzung schon heute auf dem rund zehn Milliarden Euro schweren deutschen Briefmarkt gegeneinander an.

Vor allem Zeitungsverlage sind es, die ihr logistisches Know- how nutzen wollen, um viele der täglich 70 Millionen verschickten Briefe abzubekommen. Noch haben die Post-Konkurrenten lediglich regionale Schwerpunkte. Das wird sich in den kommenden Monaten aber ändern.

Mindestens fünf Postdienste werden nach Ansicht des Bundesverbandes der Kurier-Express-Post-Dienste (BdKEP) ab 2008 ein flächendeckendes Zustellnetz anbieten können. Drei Anbieter sind schon jetzt nah dran. Nummer eins ist die PIN Group AG, ein Joint Venture mehrerer deutscher Großverlage, darunter auch Axel Springer, in dem die "Welt am Sonntag" erscheint. "Schon bis Ende 2006 werden wir ein nahezu flächendeckendes Netz haben", versichert Vorstandschef Günter Thiel. Für 2006 rechnet er mit einem Sendungsvolumen von 400 Millionen Briefen und 200 Millionen Euro Umsatz.

Nummer zwei ist der niederländische Logistik-Konzern TNT, der mit der Hamburger Hermes-Gruppe zusammenarbeitet. Und Nummer drei schließlich ist die Firma Xanto aus München. Dahinter verbirgt sich ein Netzwerk mittelständischer Transportunternehmen mit dem Firmen-Quintett Diehl, Honold Militzer&Münch, G.L. Kaiser und L.W. Cretschmer an der Spitze. In der Branche sind die fünf wahrlich keine Unbekannten. Vor 30 Jahren haben sie den Deutschen Paket Dienst DPD gegründet.

Damit die Anbieter trotz des faktisch vorherrschenden Briefmonopols der Deutschen Post bereits am Markt aktiv sein können, benötigen sie eine Lizenz von der Bundesnetzagentur. Voraussetzung dafür ist, dass die Zustelldienste im Vergleich zu Monopolist Post einen Mehrwert bieten. Und so gibt es bei dem einen beispielsweise eine Nachverfolgung der Briefsendung, bei dem anderen eine Spätabholung mit garantierter Lieferung bis zwölf Uhr am Folgetag oder bei dem dritten eine Umleitung des Briefes auch nachdem er abgegeben ist.

Der Kundschaft gefallen die zusätzlichen Dienste. "Deshalb war es bislang auch vergleichsweise einfach, der Deutschen Post Kunden abzujagen", beschreibt Peter Preuß, Geschäftsführer von Regionalanbieter WestMail. Mittlerweile, eineinhalb Jahre nach seiner Gründung, bringt es Westmail, das die Postleitzahlenbezirke in und um Köln und Düsseldorf abdeckt, laut Preuß auf rund 500 Kunden.

Doch das weckt Begehrlichkeiten. Und so wird WestMail laut dem Logistik-Manager noch im kommenden Jahr in die PIN integriert. So wie zuletzt unter anderem die Annenpost, die Citipost, Porto Sparen, Speedy Express oder der Thüringer Post Service. Damit deckt die PIN mittlerweile die Postleitzahlengebiete null bis sechs flächendeckend ab.

Preuß' Kunden stammen allesamt aus dem gewerblichen Bereich. Und diese Schwerpunktwahl verwundert kaum, sind doch Branchenexperten zufolge 85 Prozent des Briefaufkommens in Deutschland Geschäftsschreiben. Auch PIN, TNT und Xanto - das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "gelb" - haben sich auf diese Kundengruppe fokussiert, wobei sich Xanto sogar ausschließlich auf den Mittelstand konzentrieren will. Aber die neue Post-Konkurrenz wirbt beim Kampf um die lukrativen Geschäftskunden nicht nur mit dem Mehrwert, sondern auch mit niedrigen Preisen. "Unternehmen und Behörden werden ihre Postkosten um bis zu 20 Prozent senken können", prognostiziert Jörg Laskowski, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Und der Preis sei in Deutschland immer noch eines der besten Argumente.

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Aus diesem Grund rechnet die Deutsche Post im Briefgeschäft laut Klaus Zumwinkel mit Ergebniseinbußen von bis zu 20 Prozent. Und die Briefsparte bildet mit einem operativen Gewinn in Höhe von rund zwei Milliarden Euro die wichtigste Einnahmequelle der Deutschen Post. Diese Verluste wollen die Bonner vor allem durch den Ausbau des Auslandsgeschäftes ausgleichen. "Die Liberalisierung ist ja kein deutsches Phänomen", sagt Konzernsprecher Dirk Klasen. In Europa rechnet sich die Post noch viel aus. "Zumal wir bereits heute der größte private Zusteller in den USA und auch in Japan sind", so Klasen weiter.

Aber auch im Inland habe man sich vorbereitet: mit einem neuen Kostenmanagement, mit der Modernisierung der deutschlandweit 82 Briefzentren oder auch mit dem Einstieg ins Direktmarketing. "Wir machen von der Gestaltung über den Druck bis hin zum Transport alles", erklärt Klasen.

Den privaten Briefmarkt überlässt die Mehrzahl der privaten Wettbewerber derzeit noch der Deutschen Post. Zumal der Verbraucher Statistiken zufolge durchschnittlich gerade 4,44 Euro für Postdienste ausgibt. "Das heißt aber nicht, dass wir dort nicht früher oder später einsteigen", sagt zum Beispiel Peter Preuß von Westmail. Bislang standen begrenzte Zustellgebiete, kaum Briefkästen und wenige Verkaufsstellen beispielsweise für Briefmarken einer Expansion im Wege. Doch der Markt ist im Umbruch. Und so wird es nach Ansicht von Branchenexperten bereits mittelfristig zum normalen Bild in einer Stadt gehören, dass neben den üblichen gelben auch rote, blaue oder grüne Briefkästen stehen.

"Dass die Deutsche Post die Briefe bringt, ist für viele immer noch wie gottgegeben", sagtChristian Holland-Moritz, Mitarbeiter von Xanto. Aber was Gott gibt, das nimmt er bekanntlich auch wieder.

Artikel erschienen am 12.11.2006